Badische Zeitung vom Samstag, 16. September 2006 

Schöner einkaufen

Erst verschwand die Poststelle, dann machte die Sparkasse zu, eines Tages schloss auch der kleine Tante-Emma-Laden. Ein südbadisches Dorf hat begonnen, sich damit nicht abzufinden / Von Stephan Clauss

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Kraut und Rüben aus nächster Umgebung: Im Dorfladen weiß man, von welchem Erzeuger die Ware kommt ...mehr
Wenn der Ortsvorsteher einer 700-Seelen-Gemeinde im tiefsten Südbaden seine Mitbürger an einem helllichten Samstagmorgen mit "liebe Genossen" anredet, dann muss etwas Ungewöhnliches passiert sein. Nein, keine Revolution. Aber doch ein Ereignis außerhalb der von Gemeinderatswahlen, Bauanträgen und Feuerwehrübungen geprägten Routine. Was ist passiert?

Die Bürger von Schienen haben sich zusammengetan, um ihr Leben zu ändern. Sie beschlossen, sich ein Stück Lebensqualität zurückzuholen, das sie verloren hatten — ihren Dorfladen mitten im Ort. Denn überall in diesem flächendeckend mit Discountern und Baumärkten gepflasterten Land gehen die letzten kleinen Dorfläden ein wie unbegossene Stiefmütterchen. Das Lebensmittelangebot leidet an Artenschwund, der Einkauf ist zwar noch billig, doch die Ware nicht zu vergleichen mit jener vom Wochenmarkt oder vom Bauern. Und ohne Auto kann man sich auf dem Land kaum noch versorgen. "´ s Lädele" in Schienen ist also ein
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"Alle, wirklich alle haben mitgemacht" , schwärmt Andrea Kasper (M.): das "Lädele" ...mehr
Dorfladen gegen den Trend der Zeit. Gegen die Verödung ganzer Siedlungen, die Ödnis normierter Supermärkte.

Schienen liegt rund 700 Meter hoch zwischen Wald und Wiesen, als Teilort der Gemeinde Öhningen am westlichen Bodensee. Der Laden wird betrieben von einer neuartigen Verbrauchergenossenschaft — gegründet im Vorjahr von Schienener Bürgern. Rund 125 Jahre nachdem ein gewisser Heinrich Hansjakob den Hagnauer Winzerverein ins Leben rief, die Mutter aller badischen Genossenschaften. Heute wie damals geht es um die Wahrung gemeinsamer Interessen, die man erst als gemeinsame Interessen erkennen muss.

Der 1. Juli 2006 war ein so wunderschön wolkenloser Sommertag, wie es auch auf der lieblichen Halbinsel Höri am Bodensee nicht viele gibt. Alles, was Beine hatte, war auf dem Platz vor dem Spritzenhaus versammelt, jeder spielte seine Rolle beim Eröffnungstag. Die Frauen hatten die Gläser mit ihrem noch in letzter Minute eingekochten "Igmax" (Erdbeeren und Rhabarber) in die Regale gestellt, einige der Bauern, die fortan den Laden direkt beliefern werden, hatten ihre Infostände unter den Sonnenschirmen aufgebaut, der Polizist regelte den Verkehr und gab dem Rettichschneider (aus einer umgebauten Singer-Nähmaschine) sicheres Geleit über die Straße. Das Orchester des Musikvereins saß in Sonntagstracht auf den Plätzen. Mikrofon, Bratwurstgrill und Zapfanlage waren einsatzbereit. In einer schattigen Ecke blökten die drei Demo-Schafe und ihre Lämmer vom Salenhof. Und die Teilnehmer am 1. Schienener Volkslauf, das Event zum Event sozusagen, warteten auf das Kommando zum Start.

Vorher jedoch mussten noch ein paar Reden gehalten werden, Worte des Dankes und des Lobes. Wolfgang Menzer, Schienens Ortsvorsteher mit stattlichem Schnauzer und wie die meisten hier bei der CDU, freut sich: "Unser Wunschkind, ´ s Lädele, isch uf d´ r Welt!" Der Genossenschaftsladen ist für ihn der Beweis, "dass es sich doch lohnt, für eine gute Sachfgh fghfge einzustehen und zu kämpfen!" Dann spricht der Erste Vereinsvorsitzende Stefan Singer, der nicht wenig Ähnlichkeit mit einem gewissen Christoph Schlingensief hat und der wie viele andere im Verein seit November fast seine gesamte Freizeit geopfert hat. "Ich wünsche uns allen" , so sein Appell, "dass wir durch unser Kaufverhalten und unser tägliches Engagement den Laden zum Blühen bringen und erhalten" .

Und dass es so ein Schmuckstück geworden ist, ist auch kein Zufall. Darum haben sich Medienunternehmer Otto Kasper und sein junges Team von der "Circus Ideas Company" in Rielasingen professionell gekümmert. Denn für ihn war von Anfang an klar, dass das Lädele so etwas wie ein Musterhaus, ein Markenzeichen werden sollte, ungefähr so, als ob Walt Disney einen deutschen Dorfladen aus den Fünfzigern wieder auferstehen ließe: Also unbedingt große grüne Markisen über den mit Kirschen, Johannisbeeren, Gurken und Salatköpfen gefüllten Kisten vor der Tür, drinnen stabile Regale aus massivem Holz und eine ordentlich ratternde Kasse.

Zum Schluss brachte Kasper gar noch seinen Freund, den Schweizer Bühnenmaler Enrico Caspari (Bregenzer Festspiele) dazu, die Fassade zu gestalten. Sogar T-Shirts und eigene Etiketten für das "Igmax" und den Schnaps wurden gedruckt. Auf den Hemden steht: "Ich bin ein Höri-Produkt."

Otto Kasper wohnt mit Frau und Kindern seit 21 Jahren in Schienen. Und er findet es komisch, dass der kleine Ort zwar drei Wirtschaften besitzt, eine davon sogar mit Michelin-Stern, aber seit Jahren keinen Dorfladen mehr. Erst verschwand die Poststelle, dann machte die Sparkasse zu, eines Tages schloss auch der kleine Tante-Emma-Laden, als seine letzte Pächterin starb. Verdient hat sie am Ende kaum noch genug, um die Ladenmiete zu bezahlen. In der Hauptgemeinde Öhningen am Fuß des Schienerbergs stimmte die Mehrheit der Bewohner vor ein paar Jahren dafür, einen Fußballplatz zu opfern, um einen Lidl-Markt draufzustellen. Der sieht drinnen genauso genormt und leblos aus wie alle Discounter zwischen Konstanz und Kiel. Und die paar Kisten Gemüse von der Insel Reichenau sind in Öhningen wohl mehr Alibi als Zeichen regionaler Verankerung.

Auch der Schlecker-Markt, der einen anderen Dorfladen in der Gemeinde verdrängte, findet bei Kasper als Ersatzlösung keine Gnade. "Weil — Tampons kasch ´ it fresse — und im Winter kommsch ohne Vierrad gar ´ it de Berg abbe."

Also hatte der Traum vom Lädele schon länger in seinem runden Alemannenschädel rumort, bevor Ortsvorsteher Menzer die Bürgerversammlung einberief, um das Thema breiter zu diskutieren. Der Saal war gerammelt voll, erinnert sich Kasper.

Die Vorteile des Dorfladens liegen auf der Hand. Erstens sind die Bauern dankbar, dass ihnen jemand den zeitraubenden Direktverkauf abnimmt. Im Sommer haben die wirklich Wichtigeres zu tun. Und endlich müssen die Hausfrauen nicht mehr kilometerweit fahren, um einen frischen Salat, einen Laib Bauernbrot oder eine Tüte Milch zu besorgen. Der Ortsvorsteher fand es richtig traurig, wenn morgens eine Stunde nach der Abfahrt der Männer die Frauen mit dem Zweitwagen losfuhren, um ihre Einkäufe im Umkreis von 20 Kilometern zu tätigen.

Jetzt kommt die frische Ware fast direkt bis an die Haustür. Mehr als zwanzig Bauern und ein Fischer vom Untersee bringen die Schätze der fruchtbaren Halbinsel Höri zum früheren Milchhäusle, wo noch bis in die 70er-Jahre die Milch aus den Höfen zwischen Öhningen und Radolfzell gesammelt wurde. Die Landwirte liefern Kirschen, Birnen, Äpfel und alle Sorten Gemüse frisch vom Feld, Bioeier und freilaufende Gockel, es gibt Lamm-Salami, guten Speck, krachiges Holzofenbrot vom Bäcker Antelmann und Räucherforellen für das Kühlregal. Der Obstbrand mit 46 Volumenprozent stammt vom Wieland Werner im Ort, der nach Feierabend brennt.

Im Sortiment sind auch ein Dinge des täglichen Bedarfs von Shampoo über Katzenfutter bis Zahnpasta zu kaufen. Sie bilden noch mehr als die Hälfte des Sortiments. Das wird sich natürlich noch entwickeln. Später ist geplant, dass auf Vorbestellung auch Biofleisch aus speziellen saisonalen Schlachtungen zum Verkauf kommt. Sauerkraut und Most frisch vom Fass wird es geben. Und die Touristen vom See möchte man auch anlocken.

Andrea Kasper, die Ehefrau vom Otto, vierfache Mutter und die Zweite Vorsitzende der Genossenschaft, eine energische junge Person mit blitzblauen Augen, ist sichtlich erleichtert, dass alles so gut geklappt hat am Eröffnungstag. Und sie erzählt noch einmal, wie alles anfing — mit der stürmischen Dorfversammlung Ende November 2005, als der Verein gegründet wurde. Wie die Stimmen der Skeptiker schnell leiser wurden, je mehr das Projekt Gestalt annahm und die Zahl der Unterstützer wuchs. Zwei Drittel der 253 Haushalte stiegen ziemlich bald ein — mit 50 Euro Mindestbeitrag kann man Mitglied werden. 176 Haushalte erwarben bis zum Juni 309 Anteile.

Das bedeutet, zwei Drittel der Ortsbewohner stehen dahinter. Die Gemeinde Öhningen steuerte 40 000 Euro als Baukostenzuschuss bei. Vielleicht kommt auch noch was aus Brüssel dazu.

Bis in dem Häusle mit Spitzgiebel, 45 Quadratmeter Verkaufsfläche und grüngestreiften Markisen sich wieder die Regale füllten, war viel zu tun. Das ehemalige Milchhäusle im Besitz der Gemeinde befand sich im Zustand eines Rohbaus. Tausende freiwillige Arbeitsstunden wurden geleistet, Handwerker in Ruhestand restaurierten das 80 Jahre alte Gebäude, ein Schreiner baute die massiven Ladenregale zum Nulltarif, Sponsoren aus der Nähe stifteten den Fassadenputz, die Farbe und die Fliesen.

"Alle, wirklich alle haben mitgemacht" , erzählt Frau Kasper, "es haben ja nicht nur die Rentner am Bau gearbeitet, sondern auch Jugendliche in der Lehre. Die sind um viere heimkomme vom Schaffe und standen um fünf schon am Bau und fragten: Gibt´ s heut´ nix zum schaffa?" Und die Alten im Dorf kamen fast jeden Tag und wollten wissen, wann sie endlich wieder "i´ gaufe" könnten.

Um dann beim ersten Besuch lobend festzustellen: "Endlich emol nit so ä moderne Schissdreck!" Dafür warteten sie am ersten Tag auch geduldig in der Reihe, bis die vom Ansturm restlos überforderte Verkäuferin mit der Kasse klarkam.

Die Eröffnungsfeier lief ab wie am Schnürchen, fast wie in einer dieser neudeutschen Heimatserien im Fernsehen. Doch die Freude war echt und nicht gespielt. Ein Dorf hat sich wieder gefunden, besitzt wieder ein Herz und einen Mittelpunkt, wo man sich treffen und miteinander tratschen kann. "Ein Nebeneffekt, der mindestens so wertvoll isch wi´ s Lädele selbst, ist, dass über diese Sach´ eine ganz neue Gemeinschaft hier entstanden ist." Das sagen alle, die man fragt. Die Leute von Schienen sind stolz darauf, dass sie das alles aus eigener Kraft geschafft haben. Und dabei entdeckten sie, wie viele kreative Talente in ihnen und ihren Nachbarn schlummern, zum Beispiel, um eine Website zu bauen. Wenn der Schulbus die Kinder gegen 13 Uhr zurückbringt, rennen sie nun als Erstes wie ein Bienenschwarm über die Straße — zu ihrem Dorfladen. Dass sie dort zuerst einmal Eis und Pizza wollen, überrascht nicht. Immerhin wissen dieses Kids noch genau, was eine Kuh ist und was Rosinen.

Idealismus ist gut und notwendig, ausreichende Einnahmen aber ebenso wichtig. Natürlich lebt auch ein Non-Profit-Geschäft, das außer der Ware nur die (bezahlbare) Miete an die Gemeinde und die Löhne der zwei Verkäuferinnen zu zahlen hat, von permanenter Unterstützung durch seine Mitglieder. "Wenn die Lädele-Genossen nur mit zehn Prozent ihres Haushaltsgelds die Kasse klingeln lassen, kann das junge Unternehmen in die schwarzen Zahlen kommen" , rechnet Kasper vor. Am ersten Tag wurden 2000 Euro Umsatz gemacht. Das langt noch nicht ganz.

Hier entstand eben nicht nur ein Laden, der die Nahversorgung mit Lebensmitteln und Kurzwaren abdeckt, sondern ein sozialer Ort, mit erfreulichen ökologischen Nebenwirkungen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass hier etwas gelungen ist, das auch anderswo Schule machen könnte.

Eine Genossin sagt, worauf es ankommt: "Bewusster einkaufen, bewusster essen. Man muss von den Großen wegkommen, die wir selber großgezogen haben. Denn irgendwann diktieren die uns nicht nur die Auswahl, sondern bestimmen auch die Preise ganz allein."

Und irgendwie erinnert uns Schienen überm Bodensee an das legendäre kleine gallische Dorf aus den Asterix-Büchern, das den römischen Besatzern trotzt. Nur dass sie hier am Bodensee Wein und Obstler als Zaubertrank zu sich nehmen.